Tradition

Der Ursprung

Die Entwicklung des Tai Chi begann sicher in China und sehr wahrscheinlich im Umfeld von daoistischen Klöstern, in der Zeit zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert. Das Wort „Tai Chi” (oder Taiji) wird seit mehr als 2000 Jahren in der daoistischen Philosophie verwendet, jedoch erst seit dem 19. Jahrhundert für die Kampfkunst Tai Chi Chuan (übersetzt etwa: Tai Chi Faustkampf). 

Die Legende spricht von einer Art Erfinder des Tai Chi namens Zhang Sanfeng, der im 12. Jahrhundert in der nordchinesischen Provinz Liaoning geboren wurde und später als Asket und „Unsterblicher” (Erleuchteter) im Wudang-Gebirge gelebt haben soll. Er soll durch den Kampf einer Schlange gegen einen Kranich zur Entwicklung des Tai Chi inspiriert worden sein. 

Yang Luchan (1799–1872) wird als Gründer des Yang-Stils betrachtet, den wir in unserem Training praktizieren. Er brachte seine Kampfkunst an den Kaiserhof, wo er die Leibgarde des Kaisers trainierte und machte sie dadurch deutlich bekannter. Der kaiserliche Dichter Weng Tonghe assoziierte in einem Gedicht die Kampfkunst von Yang Luchan mit dem philosophischen Konzept „Tai Chi”. Möglicherweise war dies der Ursprung des Namens (die Kampfkunst Tai Chi). Zumindest trug das Gedicht wohl zur Bekanntheit des Namens und der Kampfkunst bei. 

Weitergabe des Wissens von Generation zu Generation

Weil Tai Chi sich nicht auf ein intellektuelles Wissen beschränkt, welches mit Worten in Büchern aufbewahrt und weitergegeben werden kann, nimmt die direkte Weitergabe von Mensch zu Mensch eine besonders wichtige Rolle ein. 

Das innere Erfahrungswissen und die damit verbundene Entwicklung, die wir in der Tai-Chi-Praxis suchen, kann theoretisch allein durch Experimentieren gefunden werden. Allerdings ist der Fortschritt eher langsam und Erfolg unwahrscheinlich. Die Lehrer-Schüler-Beziehung kann den Fortschritt beschleunigen, Irrtümer reduzieren und die Motivation erhöhen. 

Die Weitergabe inneren Wissens hängt stark von der Qualität der Lehrer-Schüler-Beziehung ab. Das Tai-Chi-Wissen ist untrennbar verbunden mit Kompetenzen von Körper und Geist, deren Entwicklung viele Jahre intensiven Trainings erfordert. Daher muss auch die Beziehung für viele Jahre ausreichend eng sein. Das Wissen wird übertragen durch die Vermittlung intellektueller Konzepte, durch Übungsanleitung und Korrekturen, durch sehendes Beobachten und durch spürendes Beobachten (Körperkontakt). 

Schriftlich dokumentierte Ketten von Lehrer-Schüler-Beziehungen existieren spätestens seit dem 19. Jahrhundert. Sie sind Ausdruck der Wertschätzung der Schüler für ihre Lehrer, für deren Lehrer und damit für die gesamte Traditionslinie und deren Ursprung. 

Meine Traditionslinie (Lineage)

(Jannis, Tai-Chi-Kursleiter in Zürich, geboren 1986)

Alles, was ich in meiner Gruppe in Zürich unterrichte, habe ich von Patrick Kelly und seinen Schülerinnen und Schülern gelernt. Ab 2009 habe ich in einzelnen Seminaren mit Patricks Schülern sein Tai-Chi-System kennen gelernt und war direkt beeindruckt. Von da an suchte ich nach Möglichkeiten für ein regelmässiges Training.

Patrick (links) und Jannis

Nach meinem Umzug in die Schweiz begann ich 2014 regelmässig 2 – 4 Mal pro Woche in Patricks Schule in Zürich zu trainieren und lernte dort die Grundlagen des Systems. Später sind Seminare mit Patrick und seinen Schülern sowie Besuche bei Patricks Schule in Shanghai immer wichtiger für mich geworden. Ich bekomme dort Unterstützung für meinen eigenen Lernprozess, aber auch Inspirationen für das Unterrichten. Ausserdem ermöglichen mir die Seminare den Kontakt zu einer Vielzahl von Menschen, die schon lange Zeit mit Patrick Tai Chi praktizieren.

Patrick Kelly 

(1950 – )

Patrick hat vor über 50 Jahren begonnen, sich gezielt mit innerer Entwicklung zu beschäftigen und entsprechende Übungen zu trainieren. Mit seinen drei wichtigsten Lehrern war er über viele Jahre bis zu deren Tod in engem Kontakt. Diese Lehrer sind der Yogi Mouni Maharaj von Rajasthan, der Sufi Abdullah Dougan und der Daoist und Tai-Chi-Meister Huang Xinxiang. Sie repräsentieren drei verschiedene mystische Strömungen und lehrten dieselben Prinzipien, auch wenn sie sich dafür äusserlich leicht verschiedener Konzepte und Übungen bedienten. 

Patrick Kelly (links) und Huang Xingxian

Patrick nutzt in seinem Unterricht primär die körperlichen Übungen des Tai Chi – immer jedoch mit dem Zweck, die innere Entwicklung zu fördern. Er gibt sein Wissen seit den 1990er Jahren in Seminaren in Europa weiter. Dabei hatte er zunächst einen Fokus auf den Wellenbewegungen im Körper und auf der Entwicklung elastischer Kraft. Vieles von dem impliziten Wissen der alten Meister konnte er in westliche Denkmodelle übersetzen und in ein pädagogisches Konzept integrieren. Inzwischen können seine ältesten Schüler diese Prinzipien unterrichten und er fokussiert sich stärker auf die feine Verbindung zwischen den Partnern bei den Partnerübungen und auf die Meditation. 

Huang Xingxian 

(1910–1992)

Huang Xingxian wurde 1910 in der Provinz Fujian in China geboren. Er lernte ab einem Alter von 14 Jahren verschiedene Kampfkünste (darunter Weisser-Kranich-Kungfu) und daoistische Meditationspraktiken – zunächst von Pan Yuba, später von dessen Schüler Xie Zhongxian. 

Als er 1947 nach Taiwan kam, begann er mit Zheng Manqing Tai Chi zu trainieren. Er wurde einer seiner nahen Schüler (Teil der „inneren Schule”) und sollte bis zu dessen Tod (1975) von ihm lernen. 

Ab 1958 lebte Huang in Singapur und Malaysia und baute dort 40 Tai-Chi-Schulen auf und unterrichtete etwa 10.000 Menschen. 

Huang Xingxian (links) und Zheng Manqing

Huang entwickelte fünf Lockerungsübungen, die die Grundlagen des Tai Chi vermitteln und den Körper freier beweglich machen – vor allem die Hüfte und den Schultergürtel. Er entwickelte zudem ein System von 18 Partnerübungen, um einen ausgewogenen Lernprozess zu unterstützen. Ausserdem integrierte er eine Form aus dem Weisser-Kranich-Kungfu in das Tai Chi. Er passte sie so an, dass sie den Tai-Chi-Prinzipien entspricht. Wir praktizieren sie heute als „Schnelle Form”. 

Huang befreite sich gegen Ende seines Lebens immer mehr von den Konventionen der chinesischen Kultur. Er nahm Patrick als einzigen Schüler, der nicht chinesischer Herkunft ist, in seinen Kreis der „inneren Schule” auf. Er bestimmte keinen Nachfolger, sondern wünschte sich, dass alle etwa 40 Personen in seiner inneren Schule sein System in der Zukunft repräsentieren würden. Er wünschte sich, dass Tai Chi nicht Menschen mit chinesischer Herkunft vorbehalten, sondern der ganzen Welt zugänglich gemacht werde. 

Zheng Manqing

(1901-1975)

Zheng Manqing gilt als der Meister der fünf klassischen chinesischen Künste: Poesie, Malerei, Kalligraphie, Tai Chi und Medizin. Von seiner Mutter wurde er als Kind in die traditionelle Kräuterheilkunde eingeführt. Mit der Malerei verdiente er schon als Jugendlicher seinen Lebensunterhalt. In sehr jungen Jahren begann er als Professor an der Pekinger Yu Wen Universität Poesie zu unterrichten und wurde als Künstler immer bekannter – vor allem mit seiner Poesie und Malerei. Er unterrichtete später an verschiedenen Kunsthochschulen in Peking und Shanghai. 

Zheng Manqing

Im Alter von 28 Jahren begann er bei Yang Chengfu Tai Chi zu lernen. Später unterrichtete er Tai Chi in Taiwan und ab 1964 in New York. Er war damit einer der Ersten, die Tai Chi in den USA unterrichteten. 

Zheng Manqing hat die traditionelle Yang-Tai-Chi-Form mit 108 Bewegungen verkürzt auf eine Form mit 37 Bewegungen, die heute auf der ganzen Welt verbreitet ist. Wir nennen sie Kurzform und unterrichten sie als erste Form für Anfänger. 

Yang Chengfu

(1883–1936) 

Yang Chengfu war der Enkel von Yang Luchan. Er lernte Tai Chi von seinem Vater und seinem Onkel. Als einer der ersten Lehrer machte er Tai Chi einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und gab sein Wissen nicht nur innerhalb der Familie weiter. Yang Chengfu veröffentlichte 1931 das Buch: „Anwendungsmethoden des Taijiquan“ und 1934 das Buch „Essenz und Anwendungen des Taijiquan”. 

Yang Chengfu

Yang Luchan

(1799–1872) 

Yang Luchan war der Begründer des Yang-Stils. Er brachte das Tai Chi an den Kaiserhof, wo er die kaiserliche Leibgarde unterrichtete. 

Yang Luchan

Weitere Informationen

Mehr Informationen zur Traditionslinie und Weitergabe inneren Wissens findet ihr auf der Webseite meines Lehrers Patrick Kelly: https://ninecloudstaiji.org/teachers/taijitransmission.html